Archive for the 'Music' Category

Momentaufnahme

Gerade höre ich das neue Album von Neal Morse. Es heißt “Sola Scriptura” und ist eine ungemein positive Überraschung. Ich habe bislang “nur” die ersten beiden Stücke gehört. Diese dafür mehrmals, weil sie ungemein fesselnd und vielschichtig sind. Und lang. 29 bzw. 25 Minuten lang zelebriert der ehemalige Spock’s Beard-Frontmann stimmungsvollen Progressive Rock. Manche Stellen sind unerwartet heavy. Die Atmosphäre ist ungewohnt düster und nachdenklich. Es gibt viele eingängige Momente, aber auch zahlreiche abgefahrene Takt- und Harmonieverschachtelungen. Schon jetzt steht fest: Dieses Album erfüllt sämtliche Erwartungen, die ich seinerzeit bei “Snow” hatte.

Keine Lieder über Solarzellen

Dieser Text (ursprünglich bei Vampster erschienen) richtet sich in erster Linie an aktive Musikerinnen und Musiker. Es ist ein Aufruf an alle, die Texte von Heavy Metal-Liedern schreiben: Emanzipiert euch! Die Zukunft des gesamten Musikstils hängt davon ab.

Das Fass ist übergelaufen. Auslöser dafür war kein Tropfen, Auslöser dafür war eine Flut, die eigentlich überdeutlich in meinem Plattenschrank zu sehen ist: Heavy Metal-Songtexte sind überwiegend primitiv und im höchsten Maße unoriginell. Die Erkenntnis ist wenig überraschend, aber doch erschreckend. Ich brauche nur blind ein Inlay aus dem CD-Regal herausgreifen und zwei, drei Zeilen lesen. Mit etwas Glück ist es die Dankesliste. Wahrscheinlicher geht es jedoch um Werte wie Freiheit und den Kampf gegen das Böse. Jeder Metal-Fan kann das bei sich zu Hause ausprobieren; einfach reingreifen und lesen. Es wird vage sein. Es wird schwammig sein. Und möglicherweise wird man feststellen, dass man die folgenden drölf Zeilen, die um der Reime Willen nahezu sinnfrei gehalten wurden, auswendig kennt. Man kennt tatsächlich Hunderte von Schlachthymnen, aber kein Rezept für leckeres Rissotto. Man kennt den Namen des Schwerts, mit dem Fingolfin zum Kampf gegen Morgoth auszog, weiß aber nicht, wie der Bundesverkehrsminister heißt. Man kennt 50 verschiedene Gedichte über die heldenhafte Rettung einer Prinzessin aus tiefstem Kerker, findet aber keine Worte um das Objekt seiner heimlichen Sehnsucht auf einen Kaffee einzuladen.

Beim zweiten Blick in den Plattenschrank wird mir klar, dass da eine ganze Menge Lieder drinstecken, die in ihrer Gesamtheit ungleich weniger Themen behandeln – und das meist ungemein oberflächlich. Wo sind ausgefeilte Gesellschaftstheorien? Wo sind konkrete Lösungsansätze für soziale Konflikte? Wo sind fesselnde Geschichten mit tiefgründigen Charakteren und verworrenen Handlungssträngen? Damit meine ich keinesfalls all jene Konzeptalben über Gehirnwäsche und Seelenwanderung, die einzig sprachlich verworren sind. Derart unlogische, überkonstruierte Inhalte machen mich immer ganz kirre; ein wenig Philosophie, reichlich Esoterik; ein wenig Fantasy, viel Mittelerdezweitverwertung; ein wenig Sinn, scheinbar unendlich viel Irrsinn. Selbstverständlich hat nicht jede gute Band ein lyrisches Talent in ihren Reihen. Doch bevor man deshalb einen weiteren stumpfen Text über Ehre und Tod – oder gar 12 davon – dichtet, sollte man nur mal bedenken, welche pragmatischen Vorteile es hat, wenn man Songtitel wie “Shopping Cart Race”, “Graveyard Girl” und “My PIN is 7144” statt “Glory of Steel”, “Lord of Darkness” und “Angel of War” hat. Jeder in der Band weiß sofort, um welches Lied es gerade geht, und das Publikum vergisst Band und Lieder nicht gleich nach der Umbaupause.

Neben der Einfältigkeit finde ich die Realitätsimmunität vieler Texte Besorgnis erregend. Eine Pubertät lang ist Fantasy ja ganz nett und ein bisschen Träumerei hat noch niemandem geschadet. Immerhin hören einige Leute die Musik nicht zuletzt, um vom Alltag etwas Abstand zu gewinnen. Dass aber jeder Ansatz von Bedeutung erbarmungslos von Metaphern (und solchen, die es werden wollen) erschlagen wird, sollte eigentlich zu einem umgehenden Boykott führen. Gerade wenn die Musik im Vordergrund stehen soll oder der Gesang ohnehin unverständlich ist, wäre es ein Frevel, die Texte für Zombiebanalitäten oder eben Religionsbeschimpfungen zu vergeuden. Schließlich gibt es mittlerweile ausgereifte memetische Religionstheorien, die ungleich effektiver und subversiver wirken, sowie die Möglichkeit mit Fachkräften aus Medizin und Forschung in Sachen Blut und Gedärme zu kooperieren. Und wenn’s im Studio mal schnell gehen muss, könnte man auch Beipackzettel nehmen. Zu Risiken und Nebenwirkungen hören Sie Grindcore!

Ich bin mir bewusst, dass meine Forderungen unrealistisch sind und ich möglicherweise der einzige bin, der sich fragt, was sein könnte. Und natürlich sieht die Sache bei anderen Musikstilen ähnlich aus. Doch genau das ist DIE Chance für den Heavy Metal, fit für die Zukunft zu werden. Der aktuelle Charthit über das gebrochene Herz wird so schnell gehen, wie er gekommen ist, und das Zielpublikum des Volkmusikschlagers über die Gaudi auf’m Dorffest stirbt langsam aber sicher aus – WENN denn der Heavy Metal aufwacht, sich textlich neu erfindet und die heutige Jugend davor bewahrt, in der Musik einzig den Soundtrack für Sauforgien und Paarungsrituale zu sehen. Dazu braucht es Speed Metal-Songs, die sich statt um die Mitternachtssonne um die Mitternachtsformel drehen – schon sind E-Gitarren mitten im Matheunterricht! Die Lücke zwischen “Alexander, The Great” und “Louis XIV” muss ebenfalls dringend mit frischem Edelmetall geschlossen werden. Langhaarige Gestalten werden dann nicht mehr länger Inselbegabte sein, die im Englischunterricht mit der Kenntnis von 17 Begriffen zur Übersetzung von töten/vernichten ihre mündliche Note retten.

Auch außerhalb der Schule gibt es unendlich viele Möglichkeiten! Warum nicht Doom Metal-Hymnen übers langsame Älterwerden und Ansätze zur Rentenfinanzierung? Warum nicht Death Metal-Songs darüber, dass das Baby, das man eigentlich von Herzen liebt, die dritte Nacht in Folge durchschreit und man den Zorn in sich aufsteigen spürt? Warum nicht Hardrock-Nummern über die Tücken von Steuererklärungen? Warum nicht Progressive Metal-Epen über objektorientiertes Programmieren? Warum nicht skurriler Humor auf einem Power Metal-Album, z.B. “Wenn der Drache seine Tage hat”?

Nur so wird der Heavy Metal die Welt retten können!

Für eine bessere Welt

Mit diesem Update möchte ich meine Freude über CDBaby.com und dieses Richard Linklater-Interview bekunden. Der CD-Versandhandel ist mir seit einigen Jahren immer wieder eine Quelle für schöne Musik. Bemerkenswert ist, dass er ohne Microsoft auskommt und auch die großen Musikkonzerne außen vor lässt. Stattdessen gibt es tolle Musik von Richard Shindell, Pineforest Crunch, Van Canto, Reminder, The Amber Light, The Razorblades, Girlyman und vielen anderen großartigen Interpreten zu kaufen. Das Gespräch mit Linklater über seinen aktuellen Film Fast Food Nation ist eins von vielen, die allesamt sehr lesenwert sind. Der Filmemacher macht deutlich, dass es nicht damit getan ist, alle paar Jahre eine Partei zu wählen und ansonsten über den Zustand der Welt zu lamentieren. Vielmehr haben wir ständig die Wahl. Mit allem was wir tun, kaufen, machen, sagen bewirken wir etwas. Abhängig davon, woher der Strom in unseren Steckdosen, die Lebensmittel auf unseren Tellern kommen und die Musik in unseren CD-Spielern kommt, bestärken oder schwächen wir Atomkraft, Massentierhaltung und kreative Gleichförmigkeit. Ich für meinen Teil will 2007 mehr denn je versuchen, mit meinen Alltagshandlungen diese drei Beispiele zu schwächen.

Fischen

Zu Weihnachten bekam ich Richard Shindell-CDs. Zuerst war “Somewhere Near Paterson” mein klarer Favorit. Alleine “Wisteria” ist solch ein zartes, wundervolles, melancholisches, melodisches Akustikstück, das es mich immer wieder verzaubert. Mittlerweile gefällt mir aber auch das Album “Blue Divide” ausgesprochen gut. Gegen Ende hin gibt es ein paar schwächere Nummern. Aber dafür ist mit “Fishing” ein ganz besonderer Song enthalten. Musikalisch ist er nicht unbedingt spektakulär. Natürlich klingt er gut und der warme Klang von Richards Stimme macht ihn auf alle Fälle hörenswert. Richtig fesselnd wird das Lied jedoch, wenn man auf den Text achtet. Ich neige dazu, ihn so zu interpretieren, dass bei einem Verhör die Seite am längeren Hebel erkennt, dass ein Mensch vor ihr sitzt, dessen Blut auch keine andere Farbe hat. Allerdings bin ich etwas unschlüssig, da es vor dem letzten (wohl aus der Gefangenenperspektive gesungenen) Refrain ums Anbeißen am Haken beim Fischen geht. Wäre es paranoid, dies im übertragenen Sinne zu verstehen, also so, dass der Verhörende sein Opfer mit dem Fischereigeplauder locken und fangen will? Der Optimist in mir sagt, dass diese Deutung falsch ist, dass es einfach eine weitere Verbalisierung von Gemeinsamkeiten ist. So oder so finde ich das Stück großartig, da es eindrücklich zeigt, wie Lieder – und deren Hörerschaft – von klugen, originellen Texten profitieren können.

Studiotagebuch (Teil 2)

Heute haben Basti und ich endlich unsere Aufnahmen fortgesetzt. Diesmal war ein Lied mit dem Arbeitstitel “Sam” an der Reihe. Es basiert auf einem etwas älteren Riff, den ich noch zu From Thy Ashes-Zeiten geschrieben hatte. Im Endeffekt ist es aber unser neuestes Stück. Es gibt noch keinen Gesang dazu, weshalb ich selbst ziemlich gespannt bin, wie es am Ende klingen wird. Basti wird sich in den nächsten Tagen um den Bass kümmern und seinen beiden Stücken (“The Fall of Man” und – Vorsicht Arbeitstitel! – “Carlos”) Gitarren hinzufügen.

Dass wir erst jetzt mit den Aufnahmen weitermachen, liegt daran, dass Basti am Ende des Jahres noch mit Subway to Sally auf Tour war (als Journalist) und ich an Silvester in Köln im Müngersdorfer Stadion Ärzte statt Böller erlebte! Hui hui hui!

Studiotagebuch (Teil 1)

Heute haben mein Bruder Sebastian und ich mit den ersten Demoaufnahmen für unser neues Bandprojekt begonnen. Inspiriert von Bands wie At The Gates, In Flames und Edge of Sanity haben wir ein paar Death Metal-Lieder geschrieben. Heute haben wir die meiste Zeit an einem Song gearbeitet, der den Arbeitstitel “Nocturnal Rebirth” trägt. Es ist ein kurzer, schneller Track, der trotz einiger krummen Takte ziemlich geradlinig klingt. In den nächsten Tagen werden wir nicht nur weiter aufnehmen, sondern auch noch die endgültigen Texte verfassen. Thematisch werden sie sich alle mit Spielfilmen beschäftigen.

Momentan ist Basti mit Wäscheaufhängen beschäftigt und ich tippe diese Zeilen hier. Beim nächsten Update wird es dann Fotos und vielleicht sogar einen Bandnamen geben! Bis dahin, frohes Fest!

Jahresrückblick 2006 in einer Nussschale

Es gab eine Reihe von schönen Alben, die 2006 veröffentlicht wurden. Meine drei Lieblingsscheiben sind

  1. Van Canto: A Storm to Come
  2. Eventide: Diaries from the Gallows
  3. The Brandos: Over the Border

Das Brandos-Album hat zwar einige schwache Songs an Bord, aber nach der jahrelangen Warterei bin ich glücklich, dass die Band überhaupt noch mal eine CD rausgebracht hat. Der Titelsong und “Walking Home” können dafür voll und ganz überzeugen, so dass es immerhin noch zu einem dritten Platz reicht. Davor rangieren Eventide, deren Debüt von vorne bis hinten Weltspitzenklasse ist, sowie Van Canto, von denen ich im letzten Update bereits geschwärmt habe.

Bei den Filmen, die 2006 rauskamen, fällt eine Auflistung schon schwieriger. Auch nach langem Grübeln kann ich mich beim besten Willen nicht auf eine Reihenfolge festlegen.

Introducing Van Canto

Das beste Album des Jahres 2006 stammt von Van Canto und heißt “A Storm To Come”. Die Musik ist schlichtweg genial! Schaut Euch am besten völligst unvoreingenommen den Video-Clip bei YouTube.com an. Was ich von der Musik halte (und wie sie ungefähr klingt), kann auf Vampster nachgelesen werden. Wahoo!

The Brandos live in Tuttlingen

Gestern Abend war auch auf dem Brandos-Konzert in Tuttlingen. Die Jungs haben nichts verlernt und zwei Stunden lang einen schönen Querschnitt durch ihre Alben gespielt. Dass das “Nowhere Zone”-Material außen vor blieb, störte mich nicht. Im Gegenteil, ich hätte auch auf ein paar neue Sachen zugunsten von Oldies wie “We Are No Man” und “A Matter of Survival” verzichtet. Dave war stimmlich in Topform. Die beiden neuen Musiker fügten sich gut in die Band ein, wobei ich von J. F. Vergel nicht viel mitbekam, da ich direkt vor Daves Gitarrenbox stand und dazu reichlich Monitor-Gesang abbekam. Das störte mich freilich wenig, da Herr Kincaid eben ein musikalisches Genie ist! Hier sind ein paar Fotos mit der (von J. F. “kommentierten”) Setlist.

Dave Kincaid (The Brandos) live in Tuttlingen am 7. Dezember 2006 Patrick Fitzsimmons (The Brandos) live in Tuttlingen am 7. Dezember 2006Dave Kincaid (The Brandos) live in Tuttlingen am 7. Dezember 2006Die Setlist der Brandos, Tuttlingen, 7. Dezember 2006

  1. Fight for Love
  2. Pass the Hat
  3. The Keeper
  4. Turn Away
  5. The Only Love I Can Get
  6. Anna Lee
  7. The Other Side
  8. She’s the One
  9. The Triangle Fire
  10. Gunfire at Midnight
  11. Tell Her That I Love Her
  12. Merrily Kissed the Quaker / The New York Volunteer
  13. The Solution
  14. Walking Home
  15. Over The Border
  16. Let It Go
  17. Gettysburg
  18. Can’t Go Home
  19. The Warrior’s Son
  20. Nothing to Fear
  21. Dino’s Song
  22. The Siege
  23. The Last Tambourine
  24. The Light of Day

Vorfreude ist schön!

Morgen ist es soweit: Nach vielen Jahren wird ein neues Brandos-Album erscheinen! Es heißt “Over The Border” und wird von Blue Rose Records veröffentlicht. Mit dem Titeltrack und “Walking Home” sind zwei großartige Stücke dabei, die ich bereits im Juli live hören durfte. Unter den restlichen Liedern werden sicherlich noch ein paar weitere Songjuwelen sein.