{"id":166,"date":"2007-05-04T16:16:43","date_gmt":"2007-05-04T15:16:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jutze.com\/?p=166"},"modified":"2007-05-08T19:48:37","modified_gmt":"2007-05-08T18:48:37","slug":"nicht-aufregen-nur-wundern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jutze.com\/?p=166","title":{"rendered":"Nicht aufregen, nur wundern"},"content":{"rendered":"<p>Geier Sturzflug besangen einst den &#8220;Walkmanfan&#8221;. Mich erreichte der technische Fortschritt 1995. Ich war zum ersten Mal in den USA und durchst\u00c3\u00b6berte gleich in der ersten Woche mehrere Plattenl\u00c3\u00a4den in San Diego. In einem der Gesch\u00c3\u00a4fte gab es unz\u00c3\u00a4hlige gebrauchte MCs zum Spottpreis. Dort kaufte ich knapp 20 US-Metal-Alben, die in Europa nur schwer oder gar nicht erh\u00c3\u00a4ltlich waren. Das Mietauto hatte zwar einen Kassettenspieler, aber meiner Eltern wollten die Musik (bzw. den L\u00c3\u00a4rm) eher ungern h\u00c3\u00b6ren. Deshalb kauften sie mir f\u00c3\u00bcr die zwei verbleibenden Wochen f\u00c3\u00bcr zehn Dollar einen tragbaren Kassettenspieler mit Kopfh\u00c3\u00b6rer, so dass ich fortan t\u00c3\u00a4glich Bands wie Sanctuary,  <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/toxikmetal\" title=\"Toxik @ MySpace.com\" target=\"_blank\">Toxik<\/a>, Powermad und <a href=\"http:\/\/www.intruder.biz\" title=\"Intruder\" target=\"_blank\">Intruder<\/a> h\u00c3\u00b6ren konnte. Nach diesen zwei Wochen leistete mir das Teil noch jahrelang gute Dienste.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger hielt nicht halb so lange durch. Und danach wurde alles ganz furchtbar. Weder CD- noch MP3-Spieler hielten l\u00c3\u00a4nger als ein Jahr, was nat\u00c3\u00bcrlich ein St\u00c3\u00bcck weit daran liegen mag, dass ich meistens das billigste Modell gekauft hatte. Das aktuelle Exemplar kaufte ich folglich nur sehr, sehr z\u00c3\u00b6gerlich; nicht nur wegen der niedrigen Lebenserwartung, sondern auch weil ich f\u00c3\u00bcrchte, dass daf\u00c3\u00bcr in anderen Teilen dieser Welt Menschen ausgebeutet und Abf\u00c3\u00a4lle sorglos entsorgt wurden.<\/p>\n<p>Parallel zu der technischen Entwicklung fanden soziale Ver\u00c3\u00a4nderungen statt. Standen in meiner Jugend noch Metal-Fans in Verruf, dass sie monotone, viel zu laute Musik h\u00c3\u00b6ren, scheint es mir heutzutage eine g\u00c3\u00a4nzlich andere Kultur zu sein. Schauplatz ist in den meisten F\u00c3\u00a4llen der \u00c3\u00b6ffentliche Personennahverkehr. Hier treffen Kulturen (vorselektiert) aufeinander. Hier beobachte ich die Verrohung der Jugend. Dass im Bus schnell die gruppendynamische H\u00c3\u00b6lle ausbricht, ist nichts Neues. Ich finde jedoch, dass immer mehr Leute immer lauter Musik h\u00c3\u00b6ren, wenn sie unterwegs sind.<\/p>\n<p>Das alleine ist schon frustrierend, weil ich kein Ohrenarzt bin und somit nicht direkt monet\u00c3\u00a4r von dieser Entwicklung profitieren kann. Dass viele Leute keine Anstalten machen, die Beschallung aus der Konserve einzustellen, wenn sie Bekannten begegnen und sich mit ihnen unterhalten, finde ich nicht minder unversch\u00c3\u00a4mt. Mehr noch als diese physiologischen und sozialen Aspekten treibt mich jedoch die musikalische Monotonie zur Verzweiflung, die aus den Kopfh\u00c3\u00b6rern dieser Leute t\u00c3\u00b6nt. Besonders beim Rhythmus, den man notgedrungen am deutlichsten h\u00c3\u00b6rt, ist eine Steigerung in Sachen Primitivit\u00c3\u00a4t und K\u00c3\u00bcnstlichkeit kaum mehr vorstellbar. Ich wage es nicht, mir auszumalen, welchen Einfluss die permanente Wiederholung unorigineller Rhythmen auf die Psyche der Leute hat.<\/p>\n<p>Ich muss zugeben, dass ich viele Lieder mag, die in dieser Hinsicht \u00c3\u00a4hnlich wenig Abwechslung zu bieten haben.  Aber ich sitze nicht in der letzten Busreihe, wo der Motor am lautesten rattert, und dr\u00c3\u00b6hne mir (und den anderen Fahrg\u00c3\u00a4sten) damit die Ohren zu. Obwohl ich selbst Schlagzeuger bin, w\u00c3\u00bcrde ich es durchaus begr\u00c3\u00bc\u00c3\u0178en, wenn K\u00c3\u00bcnstler vermehrt auf schlanke, harmonie- und melodiebetonende Arrangements setzen und auf unn\u00c3\u00b6tige Groovemonotonie verzichten w\u00c3\u00bcrden. Mein Reisesoundtrack besteht mittlerweile zu einem Gro\u00c3\u0178teil aus Akustikst\u00c3\u00bccken und dergleichen, z.B. von den <a href=\"http:\/\/www.nowherezone.de\" title=\"The Brandos German fanpage\" target=\"_blank\">Brandos<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.richardshindell.com\" title=\"Richard Shindell\" target=\"_blank\">Richard Shindell<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.darwilliams.com\" title=\"Dar Williams\" target=\"_blank\">Dar Williams<\/a>. Au\u00c3\u0178erdem bin ich froh, dass Bands wie <a href=\"http:\/\/www.anglagard.net\" title=\"\u00c3\u201englag\u00c3\u00a5rd\" target=\"_blank\">\u00c3\u201englag\u00c3\u00a5rd<\/a> mit ihrer Musik das 4\/4-Takt-Grundger\u00c3\u00bcst niederrei\u00c3\u0178en und auf den Tr\u00c3\u00bcmmern grandiose Klangwelten errichten. (Wer in diesem Zusammenhang mehr lesen will, m\u00c3\u00b6ge bitte die aktuelle Startseite von <a href=\"http:\/\/www.roth-handle.nu\" title=\"Mattias Olsson\" target=\"_blank\">Mattias Olssons Blog<\/a> anschauen.)<\/p>\n<p>Der Gipfel der Unversch\u00c3\u00a4mtheit sind nat\u00c3\u00bcrlich Menschen, die nicht den Umweg \u00c3\u00bcber einen Kopfh\u00c3\u00b6rer nehmen und mit ihren modernen Handys das ganze Abteil beschallen. Im Vergleich zu den wirklichen Problemen der Welt ist das nat\u00c3\u00bcrlich Kinderfasching. Es w\u00c3\u00a4re viel wichtiger, dass ein Ruck durch die Bev\u00c3\u00b6lkerung geht, die Atomkraftwerke endlich stillgelegt werden und sich Vernunft \u00c3\u00bcber den Globus ausbreitet. Allerdings vermute ich, dass das nur noch eine reine Formsache w\u00c3\u00a4re, wenn jeder das neue Reinhard Mey-Album kaufen und sich dessen Botschaften zu Herzen nehmen w\u00c3\u00bcrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geier Sturzflug besangen einst den &#8220;Walkmanfan&#8221;. Mich erreichte der technische Fortschritt 1995. Ich war zum ersten Mal in den USA und durchst\u00c3\u00b6berte gleich in der ersten Woche mehrere Plattenl\u00c3\u00a4den in San Diego. In einem der Gesch\u00c3\u00a4fte gab es unz\u00c3\u00a4hlige gebrauchte MCs zum Spottpreis. 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