{"id":153,"date":"2007-02-23T09:52:54","date_gmt":"2007-02-23T08:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jutze.com\/?p=153"},"modified":"2007-02-23T10:16:31","modified_gmt":"2007-02-23T09:16:31","slug":"keine-lieder-uber-solarzellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jutze.com\/?p=153","title":{"rendered":"Keine Lieder \u00c3\u00bcber Solarzellen"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Text (urspr\u00c3\u00bcnglich bei <a href=\"http:\/\/www.vampster.com\/artikel\/show\/?id=20297\" title=\"Keine Lieder \u00c3\u00bcber Solarzellen bei Vampster.com\" target=\"_blank\">Vampster<\/a> erschienen) richtet sich in erster Linie an aktive Musikerinnen und Musiker. Es ist ein Aufruf an alle, die Texte von Heavy Metal-Liedern schreiben: Emanzipiert euch! Die Zukunft des gesamten Musikstils h\u00c3\u00a4ngt davon ab.<\/p>\n<p>Das Fass ist \u00c3\u00bcbergelaufen. Ausl\u00c3\u00b6ser daf\u00c3\u00bcr war kein Tropfen, Ausl\u00c3\u00b6ser daf\u00c3\u00bcr war eine Flut, die eigentlich \u00c3\u00bcberdeutlich in meinem Plattenschrank zu sehen ist: Heavy Metal-Songtexte sind \u00c3\u00bcberwiegend primitiv und im h\u00c3\u00b6chsten Ma\u00c3\u0178e unoriginell. Die Erkenntnis ist wenig \u00c3\u00bcberraschend, aber doch erschreckend. Ich brauche nur blind ein Inlay aus dem CD-Regal herausgreifen und zwei, drei Zeilen lesen. Mit etwas Gl\u00c3\u00bcck ist es die Dankesliste. Wahrscheinlicher geht es jedoch um Werte wie Freiheit und den Kampf gegen das B\u00c3\u00b6se. Jeder Metal-Fan kann das bei sich zu Hause ausprobieren; einfach reingreifen und lesen. Es wird vage sein. Es wird schwammig sein. Und m\u00c3\u00b6glicherweise wird man feststellen, dass man die folgenden dr\u00c3\u00b6lf Zeilen, die um der Reime Willen nahezu sinnfrei gehalten wurden, auswendig kennt. Man kennt tats\u00c3\u00a4chlich Hunderte von Schlachthymnen, aber kein Rezept f\u00c3\u00bcr leckeres Rissotto. Man kennt den Namen des Schwerts, mit dem Fingolfin zum Kampf gegen Morgoth auszog, wei\u00c3\u0178 aber nicht, wie der Bundesverkehrsminister hei\u00c3\u0178t. Man kennt 50 verschiedene Gedichte \u00c3\u00bcber die heldenhafte Rettung einer Prinzessin aus tiefstem Kerker, findet aber keine Worte um das Objekt seiner heimlichen Sehnsucht auf einen Kaffee einzuladen.<\/p>\n<p>Beim zweiten Blick in den Plattenschrank wird mir klar, dass da eine ganze Menge Lieder drinstecken, die in ihrer Gesamtheit ungleich weniger Themen behandeln &#8211; und das meist ungemein oberfl\u00c3\u00a4chlich. Wo sind ausgefeilte Gesellschaftstheorien? Wo sind konkrete L\u00c3\u00b6sungsans\u00c3\u00a4tze f\u00c3\u00bcr soziale Konflikte? Wo sind fesselnde Geschichten mit tiefgr\u00c3\u00bcndigen Charakteren und verworrenen Handlungsstr\u00c3\u00a4ngen? Damit meine ich keinesfalls all jene Konzeptalben \u00c3\u00bcber Gehirnw\u00c3\u00a4sche und Seelenwanderung, die einzig sprachlich verworren sind. Derart unlogische, \u00c3\u00bcberkonstruierte Inhalte machen mich immer ganz kirre; ein wenig Philosophie, reichlich Esoterik; ein wenig Fantasy, viel Mittelerdezweitverwertung; ein wenig Sinn, scheinbar unendlich viel Irrsinn. Selbstverst\u00c3\u00a4ndlich hat nicht jede gute Band ein lyrisches Talent in ihren Reihen. Doch bevor man deshalb einen weiteren stumpfen Text \u00c3\u00bcber Ehre und Tod &#8211; oder gar 12 davon &#8211; dichtet, sollte man nur mal bedenken, welche pragmatischen Vorteile es hat, wenn man Songtitel wie &#8220;Shopping Cart Race&#8221;, &#8220;Graveyard Girl&#8221; und &#8220;My PIN is 7144&#8221; statt &#8220;Glory of Steel&#8221;, &#8220;Lord of Darkness&#8221; und &#8220;Angel of War&#8221; hat. Jeder in der Band wei\u00c3\u0178 sofort, um welches Lied es gerade geht, und das Publikum vergisst Band und Lieder nicht gleich nach der Umbaupause.<\/p>\n<p>Neben der Einf\u00c3\u00a4ltigkeit finde ich die Realit\u00c3\u00a4tsimmunit\u00c3\u00a4t vieler Texte Besorgnis erregend. Eine Pubert\u00c3\u00a4t lang ist Fantasy ja ganz nett und ein bisschen Tr\u00c3\u00a4umerei hat noch niemandem geschadet. Immerhin h\u00c3\u00b6ren einige Leute die Musik nicht zuletzt, um vom Alltag etwas Abstand zu gewinnen. Dass aber jeder Ansatz von Bedeutung erbarmungslos von Metaphern (und solchen, die es werden wollen) erschlagen wird, sollte eigentlich zu einem umgehenden Boykott f\u00c3\u00bchren. Gerade wenn die Musik im Vordergrund stehen soll oder der Gesang ohnehin unverst\u00c3\u00a4ndlich ist, w\u00c3\u00a4re es ein Frevel, die Texte f\u00c3\u00bcr Zombiebanalit\u00c3\u00a4ten oder eben Religionsbeschimpfungen zu vergeuden. Schlie\u00c3\u0178lich gibt es mittlerweile ausgereifte memetische Religionstheorien, die ungleich effektiver und subversiver wirken, sowie die M\u00c3\u00b6glichkeit mit Fachkr\u00c3\u00a4ften aus Medizin und Forschung in Sachen Blut und Ged\u00c3\u00a4rme zu kooperieren. Und wenn&#8217;s im Studio mal schnell gehen muss, k\u00c3\u00b6nnte man auch Beipackzettel nehmen. Zu Risiken und Nebenwirkungen h\u00c3\u00b6ren Sie Grindcore!<\/p>\n<p>Ich bin mir bewusst, dass meine Forderungen unrealistisch sind und ich m\u00c3\u00b6glicherweise der einzige bin, der sich fragt, was sein k\u00c3\u00b6nnte. Und nat\u00c3\u00bcrlich sieht die Sache bei anderen Musikstilen \u00c3\u00a4hnlich aus. Doch genau das ist DIE Chance f\u00c3\u00bcr den Heavy Metal, fit f\u00c3\u00bcr die Zukunft zu werden. Der aktuelle Charthit \u00c3\u00bcber das gebrochene Herz wird so schnell gehen, wie er gekommen ist, und das Zielpublikum des Volkmusikschlagers \u00c3\u00bcber die Gaudi auf&#8217;m Dorffest stirbt langsam aber sicher aus &#8211; WENN denn der Heavy Metal aufwacht, sich textlich neu erfindet und die heutige Jugend davor bewahrt, in der Musik einzig den Soundtrack f\u00c3\u00bcr Sauforgien und Paarungsrituale zu sehen. Dazu braucht es Speed Metal-Songs, die sich statt um die Mitternachtssonne um die Mitternachtsformel drehen &#8211; schon sind E-Gitarren mitten im Matheunterricht! Die L\u00c3\u00bccke zwischen &#8220;Alexander, The Great&#8221; und &#8220;Louis XIV&#8221; muss ebenfalls dringend mit frischem Edelmetall geschlossen werden. Langhaarige Gestalten werden dann nicht mehr l\u00c3\u00a4nger Inselbegabte sein, die im Englischunterricht mit der Kenntnis von 17 Begriffen zur \u00c3\u0153bersetzung von t\u00c3\u00b6ten\/vernichten ihre m\u00c3\u00bcndliche Note retten.<\/p>\n<p>Auch au\u00c3\u0178erhalb der Schule gibt es unendlich viele M\u00c3\u00b6glichkeiten! Warum nicht Doom Metal-Hymnen \u00c3\u00bcbers langsame \u00c3\u201elterwerden und Ans\u00c3\u00a4tze zur Rentenfinanzierung? Warum nicht Death Metal-Songs dar\u00c3\u00bcber, dass das Baby, das man eigentlich von Herzen liebt, die dritte Nacht in Folge durchschreit und man den Zorn in sich aufsteigen sp\u00c3\u00bcrt? Warum nicht Hardrock-Nummern \u00c3\u00bcber die T\u00c3\u00bccken von Steuererkl\u00c3\u00a4rungen? Warum nicht Progressive Metal-Epen \u00c3\u00bcber objektorientiertes Programmieren? Warum nicht skurriler Humor auf einem Power Metal-Album, z.B. &#8220;Wenn der Drache seine Tage hat&#8221;?<\/p>\n<p>Nur so wird der Heavy Metal die Welt retten k\u00c3\u00b6nnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text (urspr\u00c3\u00bcnglich bei Vampster erschienen) richtet sich in erster Linie an aktive Musikerinnen und Musiker. Es ist ein Aufruf an alle, die Texte von Heavy Metal-Liedern schreiben: Emanzipiert euch! Die Zukunft des gesamten Musikstils h\u00c3\u00a4ngt davon ab. Das Fass ist \u00c3\u00bcbergelaufen. 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